Ausgangslage
Warum Erstanfragen fast immer Lücken haben
Ein Prüfstand berührt zahlreiche Fachgebiete: Unterbau und Mechanik, Elektrotechnik, Medienkonditionierung, Messtechnik, Automatisierung, Bedienung, Auswertung und je nach Aufgabe noch weitere. Dazu kommt noch die Gebäudetechnik und Infrastruktur. Niemand hat das alles parat. Drei Muster sehen wir deshalb regelmäßig.
1. Fehlende Randbedingungen
Wo steht der Prüfstand? Welche Medien liegen an? Welche Schnittstellen gibt es? Standort, Medienversorgung und Schnittstellen sind die drei häufigsten Auslassungen. Fehlen sie, klärt jeder Bieter sie einzeln mit Ihnen und rechnet den Rest mit Annahmen. Beides kostet Zeit, und im Zweifel fällt es erst bei der Montage auf.
2. Die Lösung wird vorweggenommen
Wer in den Anforderungen bereits vorgibt, mit welcher Technik der Prüfstand umgesetzt werden soll, bekommt genau das angeboten, auch wenn es eine bessere oder günstigere Lösung gegeben hätte. Anbieter liefern, was gefordert wird.
Ein Beispiel ist eine hydraulische Belastungseinheit, weil es bisher immer so gebaut wurde. Im Gespräch zeigt sich dann, dass eine elektromechanische Lösung die Aufgabe einfacher und sparsamer erfüllt. Steht die Hydraulik in der Anfrage, wird sie gebaut und bezahlt.
Ähnlich ist es bei einer sehr hohen Genauigkeit oder einer Funktion, die der Prüfstand können muss. Oft stellt sich heraus, dass die Genauigkeit für die Prüfaufgabe nicht erforderlich ist oder die Funktion nicht gebraucht wird.
Wir fragen daher immer: Was ist die eigentliche Anforderung, die hinter diesem Lösungsvorschlag steckt?
3. Der Alles-Könner
Der Prüfstand soll von µV bis kV alles abdecken, die Medienkonditionierung von minus 40 bis plus 120 Grad regeln und der Antrieb bis 30.000 Umdrehungen drehen, weil man den Prüfstand vielleicht auch mal anders nutzen will. Machbar ist das, es kostet nur entsprechend.
Meist steckt dahinter der Gedanke, dass ein größerer Bereich mehr Sicherheit bedeutet. Messtechnisch ist eher das Gegenteil der Fall: Wer den Messbereich weit aufspannt, verteilt dieselbe Auflösung über eine größere Spanne und misst dort, wo tatsächlich geprüft wird, ungenauer. Wer beides braucht, bekommt umschaltbare Bereiche oder einen zweiten Sensor, dazu eine weitere Kalibrierung und einen Bedienschritt mehr. Teurer wird der Prüfstand damit nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Betrieb.
Reserven sind keine Maximalwerte
Reserven vorzuhalten ist sinnvoll, Maximalwerte zu fordern aus unsere Sicht nicht. Der Unterschied ist wichtiger, als er klingt: Platz, Leistung und Schnittstellen für spätere Ausbaustufen kosten heute wenig und sparen später einen Neubau. Maximalwerte verteuern den Prüfstand dagegen sofort, ohne dass jemand sie nutzt. Entscheidend ist, ob heute etwas gebaut und bezahlt wird oder ob nur der Weg dafür offen bleibt. Welche Reserven sich lohnen, beschreiben wir ausführlicher in unserem Beitrag: Prüfstände, die mitwachsen.
Die Leistung
Was ein Vorprojekt ist
Das Vorprojekt ist eine strukturierte Beratungsphase. Wir klären die Prüfaufgabe, den Lösungsweg und die Randbedingungen, trennen Muss- von Kann-Anforderungen und halten das Ergebnis schriftlich fest.
Im Regelfall entsteht daraus ein Lastenheft. Ist der Lösungsweg zu Beginn noch offen oder die Machbarkeit zu klären, kann das Ergebnis auch eine ausführliche Lösungsbeschreibung oder eine Machbarkeitsbewertung sein. Was davon sinnvoll ist, entscheidet sich im ersten Gespräch.
Unterschied zwischen Lastenheft und Pflichtenheft
Das Lastenheft beschreibt, was ein Lieferant zu liefern hat. Das Pflichtenheft beschreibt, was der Lieferant zusichert zu liefern. Das eine kommt von der Auftraggeberseite, das andere vom Anbieter.
Neutralität
Warum das Lastenheft anbieterneutral bleibt
Wir formulieren das Lastenheft ohne Herstellernennungen und ohne TMX-spezifische Merkmale als Muss-Anforderung. Sie können es an beliebig viele Anbieter geben.
Der Inhalt
Was im Lastenheft steht
Jedes Lastenheft wird für das jeweilige Projekt gebaut. Diese Bereiche sind fast immer enthalten.
- Unternehmens- und Projektkontext
- dokumentiert Sinn und Zweck des Prüfstands und vorhandene Anlagen, dazu Hintergrund zur Aufgabe und zur Situation, damit sich ein Lieferant überhaupt eindenken kann
- Prüflinge und Prüfaufgabe
- beschreiben, was der Prüfling ist und was er können muss, damit nachvollziehbar wird, warum er so geprüft wird, dazu ein beispielhafter Prüfablauf vom Einrichten über den Hand- bis zum Automatikbetrieb
- Alle Fachgebiete
- Unterbau und Mechanik, Elektrotechnik, Medienkonditionierung für Öl, Luft und Wasser, Messtechnik und Sensorik, Automatisierung, Bedienung und Software, Auswertung und Reporting
- Umgebungsbedingungen
- beschreiben Gebäude und Räume vom Prüfraum bis zur Warte, dazu Fußboden, Fundament, Türen, Schallschutz und Lüftung
- Äußere Rahmenbedingungen
- Sicherheitsanforderungen, Richtlinien und Normen, die für den Prüfstand gelten
- Konzepte für Wartung, Sicherheit, Service und Kalibrierung
- legen fest, wie der Prüfstand instand gehalten, abgesichert und in seiner Messgenauigkeit nachgewiesen wird
- Abnahme, Schulung, Dokumentation und Lieferung
- Abnahmestufen mit Designfreeze, Einweisung des Bedienpersonals, Dokumentationsumfang, Lieferzeit und kommerzielle Bedingungen
- Rückgabe-Checkliste als Anhang
- jeder Bieter reicht sie vorausgefüllt mit dem Angebot ein, in der Vergabe wird sie Punkt für Punkt besprochen
Vergleichbar werden Angebote erst, wenn für alle Bieter dieselben Anforderungen gelten, auch die zu Inbetriebnahme, Schulung, Dokumentation und Lieferzeit. Fehlen diese Positionen im Lastenheft, werden die Angebote unvergleichbar.
Zusammenarbeit
Ablauf und Ihr Aufwand
Wie viel Zeit Sie in das Vorprojekt stecken, entscheiden Sie. Die Spanne reicht von „Wir kümmern uns um alles“ bis zum gemeinsamen Projekt mit einem eigenen Team auf Ihrer Seite. Im ersten Fall messen wir auch Platzverhältnisse, Türbreiten und Zuwegung selbst vor Ort aus.
Ganz ohne Sie geht es allerdings nicht. Die Zielkonflikte müssen Sie entscheiden: günstiger Anschaffungspreis oder hohe Genauigkeit, Aufpreis für Modularität und spätere Erweiterbarkeit oder nicht, hoher Automatisierungsgrad heute oder Nachrüstung später. Wir stellen die Fragen und ordnen die Folgen ein, die Entscheidung bleibt aber bei Ihnen.
Stufen
Welche Stufe zu Ihrer Aufgabe passt
Bei Vorprojekten unterscheiden wir grob drei Stufen, vom Aufwand her von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen. Welche passt, hängt vom gewünschten Ergebnis und von der Komplexität der Prüfaufgabe ab.
| Stufe | Aufwand | Wann sinnvoll |
|---|---|---|
| Lösungsskizze oder Kurzspezifikation | 1–5 Tage | Erste Grundlage für die weitere Klärung, Machbarkeit grob einordnen |
| Lastenheft | 1–3 Wochen | Regelfall |
| Vorprojekt Prüffeld / hohe Komplexität | 4–8 Wochen | Viele Prüfstationen, Sonderentwicklung, offener Lösungsweg |
Die erste Stufe ist der schnellste Einstieg, wenn Sie noch nicht wissen, wie groß die Aufgabe ist.
Für jede Stufe schätzen wir den Aufwand vorab ab und geben ein Festpreisangebot. Sie wissen also vorher, was das Vorprojekt kostet.
Aus der Praxis
Alstom · Service-Zentrum Netphen · 2025
End-of-Line-Prüfstand für Antriebseinheiten
Alstom wollte die Prüfkapazität für überholte Drehgestelle ausbauen und dafür einen weiteren End-of-Line-Prüfstand für deren Antriebseinheiten beschaffen, bestehend aus Motor, Getriebe und Welle.
In den ersten Gesprächen über Anforderungen und Bedürfnisse zeigte sich, dass vieles noch nicht definiert und manche Anforderung noch offen war. Wir haben deshalb ein Vorprojekt vorgeschlagen: das Ganze strukturieren und in ein Lastenheft überführen, mit dem sich verschiedene Lieferanten anfragen lassen.
Dabei stoßen wir mit unserer Erfahrung regelmäßig auf Lösungen, die effizienter sind als die ursprünglich angedachten. Bei Alstom war das eine Doppelkabine: auf der einen Seite wird geprüft, auf der anderen bereits gerüstet. Das erhöht den Durchsatz, ohne den Prüfstand wesentlich zu verteuern.
Das fertige Lastenheft umfasst 38 Seiten: Instandhaltungsprozess und Bestandsanlagen, Spezifikation aller Gewerke von der Schallschutzkabine über Maschinenbett, Lüftung und Schaltschrank bis zu Messtechnik, Sicherheitstechnik und Auswertesoftware, dazu die zu prüfenden Antriebseinheiten, Aufstellort, geltende Normen und Lieferumfang.
Alstom hat auf Basis unseres Lastenheftes den gesamten Beschaffungsprozess abgewickelt.
Weitere Projekte
Siemens Energy
Lastenheft für die Funktionsprüfung hydraulischer Regler und Ventile. Zeigt die Bandbreite über den Antriebsstrang hinaus.
Schmersal
Vorprojekt, bei dem der Lösungsweg zu Beginn offen war. Ergebnis war eine ausführliche Lösungsbeschreibung statt eines Lastenhefts.
John Deere
Lastenheft für einen Schwenk-Prüfstand für Traktorgetriebe.
Kompetenz
Was Prüfstandserfahrung im Lastenheft verändert
Ein Lastenheft lässt sich auch ohne Prüfstandserfahrung sauber schreiben, mit belastbaren Zahlen und vollständiger Gliederung. Ob das Beschriebene praxisnah gebaut werden kann und ob der Aufwand im Verhältnis zum Nutzen steht, entscheidet sich woanders.
Nämlich in der Umsetzung. Wir wissen aus eigenen Projekten, welche Angaben am Ende zählen, wenn es ans Engineering geht.
Christian Perdok und sein Team konzipieren seit 20 Jahren Prüfstände und haben in dieser Zeit zahlreiche Lastenhefte erstellt, von Antriebsprüfständen bis zur Funktionsprüfung hydraulischer Komponenten. Diese Erfahrung entscheidet im Vorprojekt darüber, welcher Lösungsweg trägt und welche Anforderung wirklich nötig ist.
Christian Perdok · Geschäftsführer, Bereich Prüfstände und Automatisierung
Ohne vollständige Spezifikation vergleichen Sie Äpfel mit Birnen
Am Ende steht womöglich ein Prüfstand, der Ihre Prüfaufgabe nicht abdeckt. Wenn Sie einen Prüfstand planen und noch nicht sicher sind, was alles hineingehört: Sprechen Sie uns an. Wir klären im ersten Gespräch, welche Stufe zu Ihrer Aufgabe passt.
Sie wollen kleiner anfangen? Wir skizzieren Ihre Aufgabe zuerst, in ein bis fünf Tagen liegt eine Diskussionsgrundlage vor.